Onkel Hermann’s Körbe

Es gibt so Dinge, die man hat und denen man keine weitere Beachtung schenkt. Sie sind halt da und werden genutzt. So wie meine Körbe. Die sind praktisch. Behälter sind immer praktisch.

Dieser Tage sind sie mir mal richtig aufgefallen. Es sind tatsächlich sehr besondere Körbe, denn es sind echte Unikate. Mein Onkel Hermann hat sie seinerzeit angefertigt.

Onkel Hermann lebte mit meiner Tante und den Kindern in Lothringen. Er war im Krieg nach Deutschland und Frankreich verschleppt worden und arbeitete im Tagebau. Ich erinnere mich, dass er ein sehr sparsamer Mann gewesen ist. Und ein solcher würde sich natürlich auch niemals ein kostspieliges Hobby erlauben. Daher hat er sich wohl auf diese Körbe spezialisiert. Es war in der Zeit der Hula-Hupp-Reifen.

Ein regelrechter Hype in den 50iger Jahren.

Onkel Hermann sammelte überall kaputte Reifen ein, zerschnitt sie und arbeitete sie in seine Körbe ein. Diese Körbe zu machen war seine Welt abseits der normalen Pflichten. Darin ging er auf. Und da es ihm wohl auch soviel Freude bereitete, versorgte er die ganze Verwandtschaft mit Körben. Als Kind bekam ich kleine Körbchen, eines davon besitze ich noch.

Warum ich das hier schreibe und Onkel Hermann überhaupt erwähne ist, dass er über seine Körbe weiterlebt. Ich habe kaum Erinnerungen an ihn, habe ihn ja auch nur bei Verwandtenbesuchen getroffen und war damals noch sehr klein. Ich kenne ihn viel besser aus Erzählungen. Aber eigentlich war er mehr ein unbedeutendes Mitglied der Verwandtschaft. Niemand über den man Anekdoten erzählte oder der sonstwie herausragte. Er war einer von denen, der seine Pflicht erfüllte und sich zurückhielt. Der Typ Mensch also, der irgendwann stirbt und wenig von sich hinterlässt an Eindrücken. Deshalb finde ich es so besonders erwähnenswert, dass er diese Körbe hinterlassen hat. Sie sind nicht nur hübsch (das ist natürlich Ansichtssache), sie sind überdies sehr praktisch und so robust, dass sie durchaus noch einige Generationen überdauern können.

Was auch immer für ein Leben Onkel Hermann geführt hat, er hat, ohne es wohl selbst zu wollen, etwas hinterlassen, was ihn überdauert und was andern Freude bereitet, auch wenn spätere Generationen sicher nicht mehr wissen werden, woher die Körbe stammen.

Mich rührt an dieser Geschichte, dass es hier um einen Menschen geht, der weder sein Talent noch sich selbst groß zur Schau gestellt hat. Er hat sich einfach nur mit etwas beschäftigt, was ihm wichtig war. Und er hat sich mit den Mitteln begnügt, die verfügbar waren. Ein andere hätte womöglich eine tolle Geschäftsidee daraus entwickelt und eine Firma gegründet.

Ja, vielleicht geht es mir einfach darum, aufzuzeigen, dass auch Menschen, denen man nicht soviel Beachtung schenkt und die sich selber nicht in den Vordergrund stellen, etwas bleibendes und sinnvolles schaffen.

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