Grundsätzliche Gedanken zu Minimalismus

Einfach und doch gut leben, wie geht das? Die Grundvoraussetzung ist auf jeden Fall ein positives Lebensgefühl. Einfach und reduziert leben klingt ja zunächst nach Einschränkung und Verzicht, also keineswegs verlockend. Lebensfülle bedeutet für uns ja aus dem Vollen schöpfen zu können. Viel Geld haben und viel Besitz bedeutet für die meisten auch viel Lebensqualität. Doch ist das wirklich so? Bekanntlich macht Geld nicht glücklich. Nun, ich denke, in unserer Gesellschaft braucht es einfach ein gewisses Grundkapital, um ein erfüllendes Leben zu führen. Als Hartz IV Empfänger dürfte das äußerst schwierig sein.

Tatsächlich ist es doch eher so, dass es für einen Wohlhabenden leichter ist, einfach und reduziert zu leben, als für einen, der sich permanent Sorgen machen muss um sein Geld. Als Wohlhabender hast du die Wahl und als Armer bist du festgelegt. Das macht einen sehr großen Unterschied. Es ist nun mal was anderes, wenn ich freiwillig auf etwas verzichte, als wenn ich erst gar nicht die Möglichkeit habe, mir etwas zu leisten. Das letztere erzeugt ein Mangelbewusstsein. Aus einem Mangelbewusstsein heraus lassen sich keine guten Entscheidungen treffen.

Einfach und reduziert leben sollte aber eine eigene Entscheidung sein, sonst macht es keinen Sinn.

Minimalistisch zu leben ist eine Lebensphilosophie. Das kann man auch nicht einfach so von jetzt auf morgen umsetzen, auch wenn viele Bücher dies suggerieren. So zu leben ist ein Prozess, der sich über viele Jahre oder auch ein ganzes Leben hinzieht. Wer sich davon angezogen fühlt, kann einfach mal damit anfangen, indem er, wie beim Fasten auch, einige Tage auf etwas ganz bestimmtes verzichtet. Wer es schon einmal ausprobiert hat, weiß wovon ich rede. Z.B. auf Kaffeetrinken verzichten. Wer es gewohnt ist, täglich Kaffee zu trinken, merkt sehr schnell wie abhängig er davon ist. Plötzlich keinen Kaffee mehr zu trinken sorgt für Kopfschmerzen, Müdigkeit und einem Gefühl von Schlappheit. Das muss man erst mal aushalten können. Wer bewusst damit umgeht, dem wird klar, wie schnell wir uns von etwas abhängig machen. Egal, ob das nun Kaffee, Besitz, Geld auch bestimmte Gedanken oder Gefühlsmuster sind, wenn wir bewusst verzichten, kommen wir besser in Kontakt mit uns selbst. Darum geht es im Grunde, mit dir selbst Kontakt aufnehmen. Je mehr du weglässt, desto näher kommst du dir selber.

Es ist ein Abenteuer, minimalistisch zu leben. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die uns permanent dahingehend beeinflusst, uns zu suggerieren, was wir alles brauchen, damit wir gut leben können. Wer sich nicht komplett aus der Gesellschaft ausklinken will, ist hier wirklich gefordert. Es ist eine permanente Gratwanderung zu entscheiden, wo ich noch mitmache und wo ich verzichten will.

Ich praktiziere schon sehr lange eine minimalistische Lebensführung und kann nur sagen: Einfachheit macht frei. Das zeigt sich bereits in der ganz profanen Haushaltsführung. Egal, ob ich koche, was anziehen will oder mich kreativ betätigen will, ich habe alles sofort zur Hand. Bei mir steht nichts überflüssiges herum, so dass ich erst mal z.B. Teller aus dem Weg räumen muss, um an eine bestimmte Schüssel heranzukommen. Ich brauche nicht meinen Kleiderschrank zu durchforsten, um eine passende Bluse zu meiner Hose zu finden. Dadurch, dass ich wenig habe, habe ich zwangsläufig eine leichtere Übersicht über die Dinge, die ich habe.

Einfachheit macht das Leben klarer und überschaubarer. Es verhilft auch dazu, sich leichter von Dingen zu trennen. Loslassen ist ja so das Schwerste für uns im Leben. Mit einfacher Lebensführung kann man das auch prima lernen. Sehr viele Menschen heben Dinge auf, die einmal viel Geld gekostet haben, aber jetzt keinen Nutzen mehr haben. Sie können sich einfach nicht davon trennen. Ich kenne unzählige Haushalte, in denen ganze Schrankwände vorhanden sind mit Sachen darin, die keiner mehr benutzt. Die Menschen machen sich nicht einmal Gedanken darüber. Tatsächlich aber belasten solche unnützen Dinge. Das läuft unbewusst ab, erschwert aber das Leben ganz erheblich.

Man muss sich sein Inneres vorstellen wie einen Schrank. Wenn wir immer nur reinstopfen, ist er irgendwann voll. Es geht einfach nichts mehr rein. Wenn wir also was neues wollen, müssen wir was altes abgeben. Das ist überhaupt ein ganz wichtiger Satz fürs Leben:

Wenn ich was Neues will, muss ich was Altes opfern

Bleiben wir bei unserem Schrankbeispiel. Ich kann mir also nichts Neues mehr anschaffen, weil ich keinen Platz mehr habe. Ich kann natürlich einen neuen Schrank kaufen, sofern ich für den Platz habe. Das bedeutet aber auch, dass ich weniger Raum für mich habe. Mit anderen Worten, ich schränke mich immer mehr räumlich ein, indem ich Altes aufbewahre und immer wieder Neues zukaufe. Natürlich verliere ich irgendwann auch den Überblick oder meine Gedanken sind so vollgepfropft mit all den Sachen, die ich habe, dass ich mich gar nicht mehr auf anderes konzentrieren kann. Meine Gedanken kreisen dann nur noch um profane Dinge, die es eigentlich gar nicht wert sind, dass ich mich so intensiv damit befasse.

Das Schlimme ist, dass viele Menschen sind darüber nie Gedanken machen und es als gegeben hinnehmen, dass sie eingeschränkt leben. Was ich damit sagen will: Bewusstes Reduzieren macht frei und hebt Einschränkung auf.

Wenn ich ganz bewusst all die Dinge loslasse, die ich gar nicht mehr brauche und schon lange nicht mehr benutze, dann lasse ich auch inneren Ballast los. Es geht gar nicht darum, alles was nicht wirklich verwertbar ist, wegzugeben. Auch ich habe den einen oder anderen Schnickschnack in meiner Wohnung, einen alten Teddy, irgendwelche Deko, die herumsteht usw. Diese Dinge haben für mich einen ideellen Wert. Es darf nur nicht zu viel werden. Auch hier muss man sorgsam aussortieren. Und wie bei allem im Leben „10% Schwund ist immer“, was heißt, es wird immer auch Dinge geben, wo man sich ärgert, dass man sie weggegeben hat. Das lässt sich nicht vermeiden. Unterm Strich ist es aber immer befreiender die Sachen wegzugeben, die keinen Nutzen mehr bringen.

Also, um in eine minimalistische Lebensführung hineinzukommen, fängt man auf der materiellen Ebene an. Nimm dir am Anfang eine Schublade vor. Räume alles aus und betrachte dir jeden einzelnen Gegenstand ganz genau. Brauchst du ihn noch, und selbst wenn, hast du evtl. bereits drei andere Exemplare davon? Dann kann er weg. Alles, was weg kann wird aussortiert. Bei ‚weg‘ meine ich persönlich immer: ich versuche meine alten Sachen noch jemandem zu schenken, der sie gebrauchen kann. Wegwerfen empfinde ich als schändlich, aber das ist natürlich eine persönliche Ermessensfrage. Früher habe ich versucht, alte Sachen noch zu verkaufen. Wer darin geschickt ist, soll das so machen. Für mich habe ich festgestellt, dass es mich eher belastet, nach Käufern zu suchen. Auch das ist ein Prozess, den man lernen muss. Dinge, auch sehr teure, einfach so wegzugeben. Hauptsache ist, dass sie endlich aus dem eigenen Haushalt entfernt sind. Ich habe es nie bereut, auch wenn ich manchmal echte Werte geopfert habe. Es bringt mir einfach nichts, wenn ich etwas aufhebe, weil ich vielleicht einmal jemanden finde, der mir dafür Geld geben würde. Die Sachen liegen dann immer noch bei mir rum und belasten mich, wenn auch unbewusst. Das habe ich längst eingesehen. Ich tue mir keinen Gefallen damit.

Wirf bei deiner Durchsicht am Anfang nur die Sachen weg, auf die du wirklich leicht verzichten kannst. Damit machst du es dir leicht. Das ganze soll ja nicht verkrampft sein. Du strebst ja ein leichteres entspannteres Leben an. Also macht es keinen Sinn, verbissen Dinge auszusortieren. Nach und nach wird es dir immer leichter fallen, Dinge zu entsorgen. Ich war oft über mich selbst verwundert, wie locker ich mich nach gewisser Zeit von etwas trennen konnte, was mir vorher ein echtes Opfer abverlangt hätte.

Nach einiger Zeit hast du also nicht nur weniger Dinge im Haus, sondern du wirst auch kritischer. Du bist längst nicht mehr so manipulierbar wie früher. Ich merke das immer wieder, wie locker ich Versuchungen widerstehen kann. Gerade wenn ich mal einen Einkaufsbummel mache. Früher kam ich mit etlichen Tüten nachhause. Heute manchmal sogar mit nichts und trotzdem habe ich dann das Gefühl, einen tollen Einkaufstag gehabt zu haben. Ich hole mir Inspirationen statt Ballast.

Wenn man reduziert lebt, weiß man immer besser, was wirklich zu einem passt. Wenn man früher auf den Ratschlag anderer eher gehört hat, so interessiert einen das immer weniger. Man weiß es einfach selber besser.

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